Menschenbild und Psychoanalyse. Die gesellschaftskritische Dimension der Psychoanalyse

Oliver Florig und Matthias Richter (A12)

Anhand von ausgewählten Texten wollen wir ein geschichtliches Verständnis für die Entstehung und das Potential der psychoanalytischen Praxis und Tiefenpsychologie fördern. Im ersten Teil des Seminars wurde das Menschenbild der Psychoanalyse kritisch reflektiert, im zweiten Teil soll nun die gesellschaftskritische Dimension der Psychoanalyse näher beleuchtet werden. Der zweite Teil kann unabhängig vom ersten besucht werden.
Teil 2: Viele angehende Psychotherapeuten kennen die psychoanalytische bzw. tiefenpsychologische Perspektive heute nur noch als Instrument der Heilbehandlung innerhalb des Gesundheitssystems. Dabei war die Psychoanalyse in ihrem Ursprung vor allem Gesellschaftskritik. Sie verstand sich als eine gesellschaftliche Bewegung zur Emanzipation des Subjekts in den verschiedensten Lebens- und Kulturbereichen. Diese gesellschaftskritische Dimension der psychoanalytischen Bewegung wurde bspw. von Erich Fromm und der Frankfurter Schule, im klinischen Bereich später insbesondere durch die Anti- und Sozialpsychiatrie betont. Hierbei ging es nicht nur um eine psychoanalytische Perspektive in Soziologie oder Politik. Vielmehr wurde auch die Realität der gesellschaftlichen Verhältnisse in die psychoanalytische Therapie mit einbezogen. So zeigte sich, dass die Gründe für psychische Störungen auch durch die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse bedingt werden können. Sofern nun Psychotherapie und Psychiatrie aber selbst Teil dieses Gesellschaftssystems sind, wurde es zugleich wichtig, die eigene Rolle darin kritisch zu reflektieren.
Wir wollen darüber sprechen, inwiefern die gesellschaftskritischen Überle-gungen der Psychotherapieszene aus den 70iger Jahren heute noch eine Berechtigung haben können – zumal die paternalistischen Strukturen von damals ja weitgehend überwunden sind. Andererseits scheint die gegenwärtige Zweckrationalisierung und Ökonomisierung unserer Lebenswelt „System-zwänge“ für Mensch und eben auch die psychotherapeutische Praxis mit sich zu bringen, die der gesellschaftskritischen Perspektive von damals heute wieder Aktualität und eine neue Relevanz verleihen könnten.

Teilnehmer: Aus- und WeiterbildungsteilnehmerInnen und Mitglieder von HIT und IPP. Rückfragen bitte an den Dozenten: matthiasrichter73@gmx.de – Anmeldungen bitte über das Sekretariat des HIT, E-Mail: info@hit-heidelberg.de
Literatur: Finzen A (1998) Das Pinelsche Pendel: Die Dimension des Sozialen im Zeitalter der biologischen Psychiatrie. Ed. Das Narrenschiff, Bonn.
Fromm E (1970) Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie. Analytische Sozialpsychologie und Gesell-schaftstheorie. Edition Suhrkamp, Frankfurt.
Habermas J (2013) Sozialisation und Gesellschaftsstruktur. Analytische Sozialpsychologie. Psychosozial-Verlag, Gießen.
Holzhey-Kunz A (2002) Psychotherapie unter der Herrschaft der Zweckrationalität. Das Subjekt in der Kur. Passagen Verlag, Wien.
Richter M (2013) Warum es sinnvoll ist, den Zweck der Emanzipation in die Psychotherapie stets mit einzubeziehen. Psychosozial 133, 111-122.
Zaretsky E (2006) Freuds Jahrhundert. Zsolnay.
Zeit: Montag, 08.06.2015, 20.30-22.00 Uhr.
Weitere Termine: 15.06., 22.06., 29.06. und 06.07.2015

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